| Dosenravioli

Wir wollen uns treffen
mein Akku ist leer
sie lauscht einem Redner
von dem ich kein Wort verstehe
ich wärme Dosenravioli auf

 

schneide mich am gezackten Blech
Blut tropft vom Finger
auf die Tastatur
erinnert mich daran
dass die Farbe von Liebesgedichten

 

Rot heißt
während niemand von uns so richtig versteht
was das Wort Liebe
eigentlich bedeutet
das hier war überhaupt nicht geplant

 

und geschieht spontan
weil ich ihr Bild mag
kenne allerdings nur eins
die Stimme am Telefon klingt vertraut
aber das tut die Nachrichtensprecherin auch

 

Illusionen sind unser Verderben

 

die Realität unterscheidet sich vom Traum
bloß durch die Temperatur der Ravioli
die vor mir stehen
sie lauscht einem Redner
ich werfe die Dose unangerührt in den Müll

 

Vorstellungen sind ein ungedeckter Scheck
auf die Zukunft
und bewahren uns davor
uns abends eine Kugel in den Kopf
zu jagen

 

jetzt ist mein Akku wieder leer

© H.H. | Mai 18

 

| Kleines Bild

 

Mir geht’s nicht schlecht

denn ich lebe noch

da hätte ich vor zehn Jahren keine Wette drauf abschließen mögen

Bierdosen und Schnapspullen

habe ich gegen Bücher und Kaffeetassen eingetauscht

 

als ich vorhin beim Putzen

eins der Bücher aus dem Regal nahm

purzelte mir ein kleines Foto

das zwischen Seite 136 und 137 eingeklemmt war

entgegen

und ich erschrak

denn ich war felsenfest überzeugt gewesen

all ihre Bilder vor langer Zeit

vernichtet zu haben

 

wir hatten vierzig Jahre gebraucht

uns kennenzulernen

sie ein bisschen weniger, ich ein bisschen mehr

an jenem Abend in einer neonflackernden Bar

war kein langes Gerede notwendig

ein, zwei Blicke reichten

und die Sache ging klar

 

unsere Liebe währte einen Sommer lang

außer ihr, dem Wodka und der Schreiberei

brauchte ich nichts anderes

um glücklich zu sein

 

als ich Mitte Oktober nach einer kleinen Spritztour

mit einer Woche Verspätung bei ihr klingelte

war sie nicht mehr da

abtransportiert haben Sie Ihre Bekannte

sagte die Nachbarin aus dem zweiten Stock

und starrte mich vorwurfsvoll an

 

auf die Beerdigung ging ich nicht

aber am Tag darauf setzte ich mich

an ihr frisches Grab

quatschte ein paar Stunden mit ihr

erzählte von den vielen Blumen

las vor, was auf den Kränzen geschrieben stand

 

als es dunkel wurde

fuhr ich zurück in meine Wohnung

rupfte ihre Fotos von den Wänden

schaute ein letztes Mal darauf

bevor ich sie in kleine Fetzen zerriss

die ich auf dem Balkon verbrannte

und die Asche blies ich mit dem Wind in Richtung Fluss

in dieser Nacht dämmerte mir

dass Schnaps auf Dauer keine Lösung ist

 

jetzt schaut sie mich an

aus einem kleinen Bild

das jahrelang zwischen Seite 136 und 137 eingeklemmt war

lacht, redet, sagt tausend Dinge

die ich längst vergessen haben wollte

erinnert mich daran

dass es vor langer Zeit eine gab

die mich liebte

und alleine starb

während ich auf Spritztour unterwegs war

ohne bei ihr anzurufen

 

dann zerreiße ich auch dieses letzte Foto

weil das Sichschuldigfühlen

auf Dauer genauso wenig bringt

wie die Sauferei

 

aber ich werde sie demnächst besuchen

ihr ein paar Gedichte vorlesen

die hatte sie immer gerne gehört

© H.H. | Mär 19

 

| Tiefkühl-Bolognese

 

Es ist okay, dass du mir

hin und wieder Briefe schreibst

berichtest, wie dir zumute ist

das ist vernünftiger, als dir

mit Rasierklingen die Pulsadern aufzuritzen

oder Zigaretten auf den Oberschenkeln

auszudrücken

ich öffne die Umschläge abends

nach dem Büro

während ich tiefgefrorene Spaghetti Bolognese

mit einem Holzlöffel in der Pfanne

wende und aufpasse

dass sie nicht zu sehr anbrennen

denn dann schmecken sie nicht mehr

 

es ist wenig, was ich für dich

tun kann

außer stumm deine Zeilen zu lesen

und den Brief danach in die Schublade

mit den hundert anderen zu werfen

manchmal frage ich mich

wer von uns beiden mutiger ist

du, die du offen von deinem Wahnsinn

berichtest

oder ich, der ich mir das alles periodisch

reinziehe

und mich danach oft schlecht fühle

weil ich nicht zu dir fahre

um dich in den Arm zu nehmen

NEIN, tue ich nicht!

dein verpfuschtes Leben ist dein verpfuschtes Leben

lass mich damit zufrieden

 

die Nudeln sind fad wie immer

ich schiebe den Teller fort

spüre nichts

außer meinem Magen, der vor Hunger knurrt

und dem Herz, das schlägt

wie ein Uhrwerk

unter dem Hemd

tick, tock, tick, tock

soll ich den Brief nochmal rausholen?

NEIN!

 

Scheißherz, sei endlich still

unsere Geschichte ist tausend Jahre vorbei

zerhackt wie Kaminholz

zu kleinen Spänen

die alle längst verglüht sind

aber irgendwie schon traurig

dass Gefühle verschmoren

wie Tiefkühl-Bolognese auf dem Herd

früher habe ich sie geliebt

© H.H. | Nov. 18

 

 

 

 

 

 

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