Ich veröffentliche regelmäßig hier: Die Kolumnisten 

in der Rubrik: Bei Hank im Wohnzimmer

Basierend auf der Story "Am Stadtrand",

in: Halbes Kilo Hackfleisch

Zeichnungen: Gabriele Prade

 

Fingerübung 24. Aug 17

Du sagtest, du rufst nie wieder an, und ich hatte deine Entscheidung schulterzuckend akzeptiert, weil sie mir am Schluss egal geworden war. Wir redeten damals so viel, über alles und jeden, die Tage und Nächte durch. Zum Ende hin zunehmend Triviales, bis unsere Stimmen kalt und metallisch tönten, wir uns wochenlang nichts mehr mitzuteilen wussten. Und nun plötzlich wieder das Telefon. Ich kann am Rhythmus des Klingelns immer noch erkennen, dass du es bist, obwohl wir uns seit Jahren nicht gesehen und gesprochen haben. Der kleine Kirschbaum im Garten, der mir am Tag deines Abschieds bis zum Kinn reichte, überragt mich heute um die dreifache Länge und trägt im Sommer Früchte, die ich entweder frischgepflückt esse oder meiner Mutter zum Einwecken bringe. Unser letzter gemeinsamer Spaziergang im August war eine frösteln machende Angelegenheit, ich – obwohl zu Tode betrübt, weil ich deine gepackten Koffer im Schlafzimmer schon entdeckt hatte – zu apathisch, um Gegenwehr zu leisten und auch zu feige, den Entschluss, mir in der Badewanne die Pulsadern zu öffnen, in die Tat umzusetzen, dabei eine Flasche Bourbon leerend. Und jetzt die Stimme, als ob wir uns vor zwei Stunden wegen unterschiedlicher Nachmittagsaktivitäten getrennt hätten: wohlmoduliert, in der perfekten Geschwindigkeit vorgetragen, prickelnd wie überschäumender Champagner, erotisierend, in mir ein spontanes Gefühl von Wärme und Geborgenheit erzeugend. Ich erwähne den Kirschbaum nicht und auch nicht die Mainacht, in der wir uns unter ihm liebten. Was soll ich nach all der langen Zeit erzählen? Der Abend dehnt sich wie die Jahre, die ins Land gegangen sind, Türen gehen auf und zu. Das stark verblasste Motiv ist mit einem Mal wieder ganz nah gerückt, bloß dreißig Minuten Autofahrt entfernt, dann winkt der Wiedersehensrestaurantbesuch bei unserem Lieblingsitaliener. Aber es hilft auch nicht mehr. Rede Belangloses über die Kinder, den Job, mein neues Notebook, lege auf. Morgen werde ich bei der Telefongesellschaft eine neue Nummer beantragen.

 

Fingerübung 23. Aug 17

 

| Früher Herbst


Immer kommt einer irgendwo an
wird Zeuge

sich öffnender Kleider und Ösen
in fremden Zimmern
fröstelt, weil der frühe Herbst
die blondgelockten Blätter von den Bäumen fegt
die gestern sommerbraunen Beine
unter leichtgetönten Nylonstrümpfen
heute weiß und blaugeädert schimmern
der Körper einmal um sich selbst gedreht
verfliegt wie seid’ger Nebel
im Novemberwind

 

Fingerübung 21. Aug 17

 

Einundzwanzigster. Montag. In der Bauchhöhle
scheint unsere Stadt schläfrig, mit sich selbst versöhnt
seltsam nach all den Querelen der vergangenen Tage
was wohl daran liegt, dass vorgestern 

der entzündete Blinddarm entfernt wurde
und die Milz endlich zur Ruhe kommt
auch das Ausscheiden des Nierensteins
war sicher von Vorteil

weil wir es nicht anders kennen
hauptsächlich aber aus Bequemlichkeit
mästen wir täglich Dickdarm und Leber
bis unser Stuhlgang Brontosauruseiern ähnelt
und zwei Toiletten verstopft
Klopapier dreilagig ist der achthäufigst verkaufte Artikel
im Supermarkt
noch vor Düsseldorfer Löwensenf
und knapp hinter mittelaltem Gouda
wussten Sie das?
die Kurzatmigkeit beim Treppensteigen
erfüllt uns mit Trauer
darauf eine Packung Mon Chéri

die Wahrheit wird selten ausgesprochen
da jeder den Shitstorm fürchtet
ich tue es
weil es mir heute Abend egal ist